Nachdem ich am vergangenen Wochenende mal wieder umgezogen bin, gibt's heute die gesammelten Eindruecke zum britischen Wohnungswesen.
Zuallererst: Der gemeine Brite startet die Wohnungssuche erst 1-2 Wochen vor dem eigentlichen Umzug. Ich dagegen kriege Falten, wenn ich nicht mindestens vier Wochen vor Auszug weiss, ob/wo ich in einem Monat ein Dach ueber dem Kopf haben werde. Zumal die alte Wohnung zu dem Zeitpunkt ja auch schon gekuendigt ist. Ich gehe also auf Wohnungssuche und ernte ueberall verwunderte Blicke, Kopfschuetteln und meinen Lieblingssatz: "The flat will be gone by then". Meine jetzige Wohnung habe ich drei Wochen vor dem Einzug gefunden - und hatte drei Tage Bauchschmerzen, weil noch geklaert werden musste, ob der Landlord denn willens sei, auf drei Wochen Miete zu verzichten...; weil ich unmoeglich "schon naechste Woche" eingezogen waere. Naja, nachdem ich mich auf ein Jahr verpflichtet habe, hat man ein Auge zugedrueckt. Gottseidank.
Es ist ja nicht wirklich so, als ob man hier viel Auswahl haette. Die Mieten sind astronomisch hoch (im Vergleich zu Leipzig) und mein Stipendium reicht gerade mal fuer ein (!) Zimmer a 400€ (zzgl. 100€ Nebenkosten). Und wir reden hier ungefaehr von der Groesse eines Schuhkartons. Zum anderen zahlt man den gleichen Preis: halbsanierter Altbau, vollsanierter Altbau, Neubau und mein Favorit: saniert in den fruehen Siebzigern und seitdem "heruntergewohnt" - kosten alle das gleiche. Nach Quadratemetern wird hier auch nicht vermietet. Daher kosten 10 Quadratmeter genau so viel vie 30. Wo also wohnen? Den Wahlleipziger zieht's ja zu den sanierten Altbaus. Auf der Insel aber gilt: VORSICHT! FALSE FRIENDS! Alte Haeuser fuer Vermietungszwecke sind hier
marode und anfaellig. Der Brite ist ja eher ein Hauskaeufer als ein Mieter und gemietet wird quasi nur als "Zwischenstation". Daher werden Haeuser meist "furnished" vermietet und keine Sau (Pardon my French) kuemmert sich so wirklich. Als Mieter lebt man dann also meist in einem Patchwork Haus, in dem hier und da das Noetigste mal eben "zusammengeflickt" wird.
In Edinburgh war meine Wohnsituation nur eine von vielen Extremerfahrungen. Ich sehe eure unglaeubigen Gesichter vor mir, wenn ich sage, dass Edinburgh ein furchtbarer Ort zum Leben ist... Eine Zusammenfassung meiner Zeit in Edinburgh wird folgen, sobald ich den duesteren Erinnerungen trotzen kann, aber an dieser Stelle lasse ich kurz die Forschung sprechen: Laut einer Studie der Unis Manchester und Sheffield ist Edinburgh
"the most miserable place in Britain."Unterschreibe ich sofort!
Na wie auch immer, in Edinburgh habe ich mit Molly und Nita in einer riesengrossen, total heruntergwohnten Altbauwohnung gewohnt, deren unendliche Weiten voll von Ueberbleibseln und Hinterlassenschaften (inklusive Handfeuerwaffe) saemtlicher Vormieter seit den Siebzigern war. Nachdem uns Deutschen ja nix sauberer genug sein kann, ging's nach dem Einzug erstmal ans putzen. Am Ofen bin jedoch bald verzweifelt. Der wurde noch nie sauber gemacht.


Egal, es koennte schlimmer sein. Genau! Und deswegen hatten wir kurze Zeit spaeter mit dem Einsatzmann der Gaswerke zu tun... Die ganze Wohnung stinkt nach Gas? Naja, dann machen wir halt kein Licht an. So einfach ist das.
Aber der eigentliche Hammer war folgender. Mieterschutz ist ein deutscher Zustand, den man im Koenigreich nicht kennt. Als Mieter muss man hierzulande alles offenlegen (credit check, Referenzen vom vorherigen Vermieter, etc...) und gewissermassen seine Seele verkaufen. Das Mietgesetz besagt, dass manWohnraum mindestens fuer 6 Monate mieten muss. Und NACHDEM wir unseren sechs Monatsvertrag fuer den Zeitraum Maerz bis September unterzeichnet hatten, setzte uns der Agent davon in Kenntnis, dass die Eigentuemer der Wohnung ueber Scheidung nachdenken wuerden und man nicht wuesste, was aus der Wohnung wird. Das VERmieterschutzgesetz besagt naemlich, dass man eine Wohnung innerhalb eines Monats zu raeumen hat, wenn der Eigentuemer Eigenbedarf anmeldet. Und so geschah es dann auch. Uns wurde zum 1. August 2007 gekuendigt - vor dem Ablauf des Vertrags. Daraus ergaben sich drei grundlegende Probleme:
1. Neu mieten geht nicht, denn wir hatten zu dem Zeitpunkt nur noch zwei Monate in Schottland - und man MUSS sich ja fuer sechs Monate verpflichten.
2. August war der letzte Monat unseres 12-monatigen Studiengangs und weil wir "mal eben" eine Magisterarbeit schreiben mussten, hatten wir weder Zeit zum Wohnung suchen, umziehen oder schlafen.
3. Im gesamten August tobt in Edinburgh das internationale Festival. Die ganze Welt will in dieser Zeit in Edinburgh wohnen. Dank Angebot und Nachfrage vervierfachen sich die ohnehin schon horrenden Mieten in dieser Stadt.
An dieser Stelle werde ich auch behaupten, dass die Schotten gar boesartige Menschen sind. Ich werde das spaeter naeher ausfuehren. Fuer heute muss reichen, dass unser Agent uns hinters Licht gefuehrt hat. Und das ist eben so. Die niedrigsten Lebensformen hier auf der Insel sind Wohnungsvermittler.
Manchester hat's auf Platz 2 der "happiest places in Britain" geschafft - und da sieht man mal, dass nicht immer die Devise gilt "Wohnen, wo andere Urlaub machen". Manchester ist wahrlich keine Touristenhochburg, aber schoener leben laesst sich's hier allemal. Wenn nur der Wohnungsfrust nicht waere...
Nachdem Molly und ich eine schoene Erdgeschosswohnung in einem Haus aus der Zeit Koenigin Victorias gefunden hatten, waren wir ueberglucklich. Nicht nur war diese Wohnung ziemlich geraeumig (sehr ungewohenlich fuer England), sie befand sich noch dazu im
In-Stadtteil Didsbury - mitten im Gruenen. Volltreffer! Genau.


Beim Einzug bemerkten wir den ersten Wasserschaden. Hmm. Kann ja mal vorkommen. Das gab' zwar einen unschoenen Fleck, aber wurde schnell behoben. Dann kam der Herbst. Und mit ihm kroch die Kaelte ins Gemaeuer. Ins feuchte Gemaeuer, um genau zu sein. Lecker feuchte Flecken an den Waenden. Ein bissel Schimmel? Mach doch nix.
Woche 1: Scheisse, echt, die Heizung funktioniert nicht. Garnicht? Mist, der Boiler ist ja auch nicht an. Hmm, das wuerde erklaeren, warum das Wasser nicht warm wird. Ruf doch mal die Agentur an! Ok.
Woche 2: Es ist doch immer noch so kalt. Ja. War noch keiner von der Agentur da? Nee. Morgen bestimmt!
Naechster Abend (20:00): Eh, das riecht hier aber komisch. Hmm. Gas wuerde ich sagen. In der ganzen Wohnung? Mach' mal besser kein Licht an. Aber es ist warm! Oh, der Boiler ist ja auch an. Wir rufen trozdem besser mal den Gasmann an. Ja.
22:00: Toll. Jetzt ist also der Boiler im Arsch. Hmm. Und es ist auch wieder kalt. Da muss ich wohl morgen nochmal die Agentur anrufen.
Woche 3: Hurra, der Boiler funktioniert und der Gasschaden ist auch repariert! Und warum, bitteschoen, funktioniert dann die Heizung nicht?! Das Wasser ist auch kalt. Keine Ahnung. Ich ruf die Agentur an.
Naechster Tag: Die Agentur sagt, dass da so eine Zeitschaltung fuer die Heizung ist. Ja, die kenn ich, aber die funktioniert doch nicht mehr, oder? Ich weiss gar nicht wo die angehen sollte. Morgen schicken die jemanden. Gut.
Morgen: Ach so, der Schalter ist
hinter dem Boiler... Wer denkt denn an sowas. Danke auch.
Zwei Wochen spaeter: Die Schaltung an der Heizung ist total verrostet. Ich krieg die Heizung nicht mehr aufgedreht. Toll, und was jetzt? Ruf mal in der Agentur an und sag' denen, dass die neue Regler dranbauen sollen.
Zwei Wochen spaeter: Was ist denn jetzt mit den Reglern? Ich frier' mir hier den Arsch ab. Weiss nicht, wahrscheinlich haben wir unser Hilfekonto fuer dieses Quartal ausgereizt. Geh doch mal bei der Agentur vorbei. Jaja.
Woche 8: Na endlich. Neue Regler. Dann kann der Winter ja kommen.
Zwei Wochen spaeter: Das ist schon wieder so kalt. Komisch. Aber der Boiler ist doch an. Ja. Eh, fass mal die Heizung an! Die untere Haelfte ist ganz kalt! Mist. Da ruf ich mal in der Agentur an.
Woche 11: War nur Luft in der Heizung. Jetzt funktioniert sie wieder. Gut.
Woche 12: Die Heizung ist schon wieder so kalt. Schon wieder Luft? Vielleicht. Ruf doch mal die Agentur an.
Woche 13: Ja, war nur Luft.
Woche 14: Die Heizung ist schon wieder kalt. Das Scheissding ist bestimmt total im Arsch! Ich hab mal 'ne Heizdecke gekauft und ein paar Waermflaschen. Verdammte Scheisse hier. Jetzt muss ich schon wieder die Agentur anrufen.
Woche 16: Die Heizung ist wieder ganz. Und die Agentur hat so einen Entlueftungsschluessel dagelassen. Damit wir allein entlueften koennen. Gottseidank.
Woche 17: Schon eine ganze Woche warm! Unglaublich. Ja, aber weisst du, was das Problem ist? Nee, was'n? Da unsere Riesenfenster nur einzelverglast sind, fangen die an zu kondensieren und das Kondenzwasser laeuft jetzt ueber die Waende. Scheisse, und was machen wir jetzt? Weiss nicht. Fenster abwischen vielleicht? Morgens und Abends?
Woche 18: Haste gesehen, dass die Waende unter'm Fenster ganz nass sind? Ja. Und jetzt faengt das an mit schimmeln. Das ist doch zum kotzen!!! Zumal das nix mit dem Kondenswasser zu tun hat. Die Waende sind zu feucht. Die sind ja auch nicht isoliert. Toll.
Woche 19: Eh, kuck mal, die Tapete ist ganz schwarz hinter'm Sofa. Igitt! Und so nass, dass man sie abziehen kann. Ich sag' mal der Agentur bescheid.

Monat 5: Da ist jetzt neue Tapete an der Wand. OK. Aber da drueben an der alten Tapete schimmelt das schon wieder. Scheissmist. Ich ruf die Agentur an.
Monat 6: Heute war jemand da und hat ueber den Schimmel gemalert. Aber das nuetzt doch nichts!!! Ich weiss.
Woche 25: Meine Waesche riecht so komisch. Hmm. Trocknet ja auch nix hier drin. Vielleicht lassen wir einfach das Fenster auf? Das Fenster auflassen? Was? Damit wir das bisschen Grundwaerme hier in unserem Kuehlschrank auch noch verlieren? Sag' mal, weisst du eigentlich wie hoch unsere Gasrechnung ist???
Monat 7: Jetzt wird's ja langsam endlich Fruehling. Dann brauchen wir die Heizung nicht mehr und die bloede Fensterwischerei hoert auch auf. Endlich. Vielleicht trocknen dann unsere klammen Buecher und Unterlagen auch wieder.
Woche 30: Sag' mal, hier riecht's so nach Chlor! Wo kommt das denn her? Aus'm Wohnzimmer? Ach du liebe Scheisse! Der ganze Fussboden steht unter Wasser!!! Wo kommt das denn her? Von oben! Ich will nach Haaaaaaauuuussseee! Ich halt's hier nicht mehr aus!!!

Zwei Tage spaeter. Der Fussboden ist ganz wellig. Hmm. Der Handwerker hat gesagt, dass er literweise Wasser aufwischen musste. Da kam wohl noch mal ein Schwung Wasser runter. Und was war das Problem? Ach, der Uebermieter hat versucht, seinen Abfluss zu reinigen... Er hat den Syphon ausgebaut und falsch wieder reingebaut. Und deswegen hat's bei uns geregnet, wenn er geduscht hat.
AUSZIEHEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!Wehmuetig war ich also kein bisschen, als ich in einen neugebauten Apartmentkomplex gezogen bin. Manchester glaenzt ja an sich nicht wirklich durch seine Architektur und die typische red-brick Optik wird auch fuer neue Haeuser verwandt. Und nachdem ich's jetzt endlich warm und trocken habe und ich selbst der Uebermieter bin, kann mich Queen Victoria mal kreuzweise.