Natuerlich hat diese System auch seine Schattenseiten. Jedoch, denke ich, liegen die Ursachen hierfuer eher an der Ungebildet-, Unfaehig- und Planlosigkeit des gemeinen Briten (oder fuer die Romantiker unter uns: an dessen Naivitaet und Verschrobenheit).
Wie bei uns muss man auch hier erst mal am Hausarzt vorbei, bevor man zum Spezialisten kommt. Und so einfach ist das nicht. Waehrend der deutsche Hausarzt sofort eine Ueberweisung zum Hautarzt schreibt, wenn man einen laestigen Fusspilz aus dem Schwimmbad anschleppt, kriegt man hier entweder ein Schulterzucken "Hmm, so'n Pilz tut doch nicht weh; kuemmer'n Sie sich nicht weiter drum" (Was??? Meine Hautaerztin in Deutschland hat mir gesagt, dass der Pilz den Nagel von unten abfrisst und dass dann der Nagel abfaellt!!!). Oder - die gaengigere Variante: "Koennen Sie sich denn an den Namen des Medikamentes erinnern?" - waehrend der Doktor im Medizinkatalog blaettert... . Da wird einem schon etwas unwohl. Ganz besonders, da ein Medizinstudium hier im Koenigreich auch nicht wirklich lange dauert und ich staendig vor Doktoren sitze, die noch im Kindergarten waren, als ich die Schule abgeschlossen habe.
Irgendwann habe ich es dann doch mal zum Dermatologen geschafft - nach zwei Monaten Wartezeit ("Die Kliniken sind so voll"). Und mittlerweile weiss ich auch, warum man so lange auf Spezialisten warten muss: Hier probiert man's mit Gemuetlichkeit! Ich komme also in der Klinik an und erwarte ein volles Haus und zwei Stunden Wartezeit (macht nix, in meinem Beruf muss man lesen und ich muss ja auch keine Krankenversicherung bezahlen...). Aber ich traue meinen Augen kaum! Alles leergefegt. Bis auf einen Doktor, einen Rezeptionisten und circa 20 Schwestern. Und dann passiert folgendes: Ich werde von einer Schwester abgeholt und beim Herrn Doktor auf einen Stuhl verfrachtet. Herr Doktor fragt nach dem ominoesen Fleck auf meinem Schienbein und ich fange an, mein Hosenbein nach oben zu rollen - ist ja einfach, das Schienbein freizulegen. "Nein, nein" ruft da der Doktor, "nicht doch hier! Ich werde Sie im Untersuchungszimmer untersuchen!" Na gut, denke ich mir, und werde von der Schwester ins angrenzende Zimmer geschoben. "Bitte bis auf die Unterwaesche ganz frei machen und den Kittel hier anziehen!" Ach, denke ich mir, dem Doktor steht vielleicht der Sinn nach einer gruendlichen Leberfleckuntersuchung - kann ja nicht schaden. In Deutschland habe ich das nie gemacht; das ist ja keine Kassenleistung (€32,50)! Ich warte und warte. Und endlich, nachdem die Schwester checkt, ob ich auch sittlich bekittelt bin (mein Doktor ist Inder), schaut der Herr Doktor herein. Und betrachtet ausschliesslich mein Schienbein!!! Wie jetzt?! Wofuer denn der ganze Zirkus? Hmm. Kann man nix machen. Wieder die ganze Prozedur, Doktor raus, ich rein in die Klamotten, Schwester checkt, zurueck zum Doktor. All das dauert 30 Minuten. Ich soll mich noch mal vorstellen - in vier Wochen. Ich gehe also zurueck zum Rezeptionisten; das Wartezimmer ist immer noch gaehnend leer. So voll sind hier die Kliniken! Und weil so ein Andrang Zeit zum abarbeiten braucht, ist es eben unmoeglich, einen Nachfolgetermin innerhalb von zwei Monaten zu bekommen - so der Rezeptionist. Will der mich verarschen? Nee, er meint das ernst. Zu viel zu tun. Ganz einfach. Muss ich erwaehenen, dass das Wartezimmer nach zwei Monaten genauso leer war? Und dass ich eine Stunde pro Patient unangemessen finde?! Aber das ist hier eben so. Das Koenigreich funktioniert nach Tradition, nicht nach Effizienz oder Logik. Und daher verbrenne ich mir eben immer wieder die Haende, weil Wasserhaehne mit Mischbatterie Teufelswerk sind!
Eine Anekdote nur fuer weibliche Leser (und fuer ganz hartgesottene...): Frauenaerzte gibt's hier nicht. Vorsorge besteht hier aus so genannten smear-tests, die von der nurse durchgefuert werden. Und, Ladies, Gynaekologenstuehle existieren aus gutem Grund! Auf der Insel heisst's ab auf die Pritsche - was heisst denn hier Schmerz? - und danach die laestige Frage "Kann ich jetzt noch Kinder kriegen?"
Auch wenn's mit der Vorsorge und den Spezialisten etwas hakt, Notfallmedizin wird ganz gross geschrieben. Wahrscheinlich aus der Notwenigkeit enstanden, muss der Notfalldienst die schlimmste Seuche bekaempfen: Alkohol. Durch Alkohol schadet der Brite sich selbst - und zu oft auch anderen. Wie schon erwaehnt, sind Wochenenden einzige Saufgelage und das endet mit diversen Alkohovergiftungen und gefaehrlicher Koerperverletzung. Daher kann ich davon abraten, an einem Wochenende den Notdienst zu rufen: Man wird dir nicht glauben, dass dein Problem NICHTS mit Alkohol zu tun hat. Ziemlich nervig ist das. Aber egal. Zumindest gibt's ueberall Accident & Emergency Units und die helfen wo sie nur koennen. Und schnell. Mir blindem Maulwurf ist es also eines Tages so ergangen, dass ich blinde Flecken vor meinem Auge hatte und da man auf sowas nur mit PAAAANIK! reagiert, bin ich sofort zur Notfallaufnahme. Dort wurde mir gleich noch mehr Angst gemacht: Verdacht auf Netzhautabloesung. Na wie schoen, dass es in Manchester das Royal Eye Hospital gibt! Die werden mir schon helfen. So, und nachdem ich gerade eine Fluoreszenzangiographie hatte, in der mir neongelbe Kontrastfarbe gespritzt wurde und Bilder meines Auges durch geweitete Pupillen (AUA!!!) gemacht wurden, leuchtet mein Urin jetzt im Dunkeln und meine Makuladegeneration ist wohl nicht heilbar. Kinder, wir werden alt!
Check out my dilated pupils and lovely yellowish skin tone:

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