Monday, 22 September 2008

Aversion Nr. 2: Standard- und Niveaulosigkeit

Schwieriges Thema. Erst mal ruhig durchatmen. Beim Gedanken an dieses Thema moechte ich mir am liebsten die Haare ausreissen, die Augen auskratzen und schreien wie am Spiess. Die Inkompetenz der Briten sucht ihresgleichen. Das hat zwei Ursachen. Zum einen fehlt denen gesunder Menschenverstand. Das sieht man schon am Phaenotyp:
Hier herrscht Tradition – und da muss man ja nicht denken. Zum anderen liegt’s an der fehlenden Ausbildung. Beides zusammen – gut genaehrt durch jahrelangen Suff – ist eine Mischung, die mich rasend macht.

Kommen wir doch gleich mal zu einer aktuellen Begebenheit, bei der mir die Haare vielleicht demnaechst von selbst ausfallen. Mein Buero befindet sich him altertuemlichen Teil der Uni Manchester – und ist Teil jenes Gebaeudes, in dem Ernest Rutherford vor 100 Jahren mit seinen Atomen Pingpong gespielt hat. Und es hat auch 100 Jahre gedauert, bis man – angeregt durch den kuerzlichen Krebstod einiger Wissenschaftler in unserem Gebaeude – den Bogen zwischen Radioaktivitaet und “Sicherheit am Arbeitsplatz” geschlagen hat. Vor ca. 2 Monaten haben ehemalige Kollegen der verstorbenen Mitarbeiter ein Gutachten vorgelegt, in dem es heisst, dass ein Strahlenrisiko in meinem Teil des Gebaeudes nicht ausgeschlossen werden kann. Bei mir haben sofort alle Alarmglocken geschrillt – nicht aber bei den alteingesessenen Englaendern. Die Reaktion meines lieben Kollegen Paul war “Lasst uns einen Wellensittich kaufen und mal sehen was passiert.” Auf irritierte Nachfragen zum Thema wurde uns von der Chefetage mittgeteilt, dass uns “Neulinge” das doch gar nicht betreffen wuerde, immerhin seien wir erst ein Jahr hier – im Vergleich zu den Veteranen, die hier schon seit 20 Jahren arbeiten. Ach! Na dann is ja nich so schlimm! Scheiss auf’s gebaerfaehige Alter. Ist ja bloss ein Jahr Radioaktivitaet.
So. Und dann ging alles weiter wie gewohnt. Hier ist keiner auf die Idee gekommen, das Gebaeude zu schliessen und mal mit dem Geigerzaehler durchzulaufen. Studenten gehen ein und aus, ebenso kleine Kinder mit ihren Muttis, die zu den Studien vorbeischauen. Aber - O-Ton Chefetage - das ist doch kein Risiko, wenn die Kinder mal fuer eine halbe Stunde hier sind. Na, mich wuerde ja mal interessieren, was die Muetter dazu sagen.
Vergangene Woche gab’s dann ein Meeting zum Thema Radioaktivitaet im Rutherford Building – weil vorletzte Woche ein Artikel in der Zeitung “The Guardian” erschien, in der unser Fall Gottseidank mal oeffentlich gemacht wurde. Und in diesem Meeting wurde uns dann mitgeteilt, dass wir Radon-Monitore in unseren Bueros brauchen, die 3 Monate lang die Radonlevel messen werden. Natuerlich kam sofort die Frage auf, warum die Monitore nicht schon vor zwei Monaten installiert wurden – mit Erscheinen des Gutachten!? Nun ja..., man hatte geglaubt, es sei das beste, zuerst mit uns darueber zu reden. WAAAAAAAAAAAAAAS?????????????

Aber was will man schon erwarten, in einem Land frei von den Zwaengen eines Grundgesetzes?! Ganz ehrlich – hier gibt es keine Standards. Nichts, auf das man sich verlassen kann. Ich hab’ Deutschland immer als ein bisschen zu steif empfunden – weil ohne abgeschlossene Ausbildung so gar nichts geht. Kinder, lasst euch sagen, so eine Ausbildung ist eine gute Sache! Auch wenn man Rechtsanwaltsgehilfe gelernt hat und danach zum Polsterer umschult. Man hat naemlich was gelernt. Hier rammelt nach der Schule alles auf die Uni; studiert allerlei obskure Dinge (ohne das geringste Interesse, das kann ich aus Lehrerfahrung berichten) und endet nach einem Literaturstudium in der Bank. Das hat dann zur Folge, dass ich sich widersprechende Informationen bekomme, wenn ich mein liebes, weniges Geld auf der Bank besuchen gehe. Abhaengig vom Tag oder der Tageszeit bekomme ich voellig verschiedene Aussagen - sogar von der selben Person. Jene Personen geben sich auch nicht einmal Muehe, so zu tun, als ob sie von ihrem Job Ahnung haetten. Nachdem wir ja schon auf die Unfaehigkeit der Inselaffen eingestellt sind, hat Molly letztlich einen alten Uberweisungsbeleg zur Bank mitgenommen – mit der Bitte, genau die gleiche Ueberweisung nochmal durchzufuehren, fuer £10. Na klar, machen wir doch! Und berechnet haben die Idioten £28.50. Kann ja mal vorkommen, denkt ihr euch? Pah! Jeder “kleine Weg” ist hier ein Hindernislauf. Klar kann mal was schief gehen. Aber es ist nahezu unmoeglich, solche Sachen wieder in Ordnung zu bringen.
Ich bin schon auf Du&Du mit allen Mitarbeitern der Gaswerke, der Wasserwerke, der Eletrizitaetswerke; ich rufe bestimmt einmal monatlich bei allen an. Wie oft ruft ihr so bei euren Versorgern an? Genau. Einmal beim Einzug, einmal beim Auszug. Ach wie schoen. Deutschland ist ein schoenes Land.
Ich habe heute schon wieder vier Briefe auf einmal von den Gaswerken bekommen. In einem fragt man nach der Seriennummer meines Gasanschlusses (What the f***?! Das ist doch euer Job, die rauszufinden!) – ohne die mein Vertrag nicht wirksam ist; in dem anderen freut man sich, mir mitzuteilen, das mein Vertrag jetzt laeuft; in wieder einem anderen erklaert man mir, man haette den alten Vertrag gekuendigt und dann ist da noch ein Brief, in dem man mir einen Vertrag unter einer Adresse kuendigt, die ich gar nicht kenne.

Und so ist das hier mit jedem kleinen Scheiss. Busfahrer wissen nicht, wo genau die Buslinie langfaehrt; gehalten wird auch nur sporadisch. Abfahrtszeiten gibt’s nur fuer 6 “Orientierungshaltestellen” auf der Route mit 60 Stops – man plant besser grosszuegig und hat immer einen Stadtplan zur Hand, damit man die Route mit dem Finger “mitfahren” kann. Taxifahrer fragen staendig “And whereabouts is that, love?”. Ein Taxi, am Vorabend fuer 8:00 frueh am Folgetag bestellt, garantiert noch keine gute Reise: 8:20 ist das Taxi immer noch nicht da; bei einem empoerten Anruf bei der Taxigesellschaft wird uns mitgeteilt, man haette so viel zu tun und wir sollten uns gedulden. Nur am Flughafen, da gilt – Lippenpomade immer schoen in ein Tuetchen packen! Ohne Tuetchen wird die Pomade konfisziert!
What a sense of accomplishment.

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