Tuesday, 23 September 2008

Update zum Problem "Radioaktivitaet im Buero"

Wenn nur die Presse einmal Wind bekommt: Mittlerweile wurden noch mehr Todesfaelle mit unserem Hause - ganz woertlich genommen - in Verbindung gebracht. Zu den an verschiedenen Krebsleiden Verstorbenen gehoert auch eine 25-jaehrige Mitarbeiterin. Und trotzdem will man erst noch auf ein unabhaengiges Gutachten warten. Gutachter gibt's aber noch keine und es hat auch noch keiner festgestellt, wie viele Radonmonitore wir eigentlich brauchen.

Hier gibt's die ganze Geschichte: "More Deaths linked to University".

Kleiner Auszug: "It is important to stress that we do not believe there to be any risk to current occupants of the Rutherford Building (italics mine)." - Ich hab's ja jetzt nicht so mit Physik, aber ich dachte, ich haette mal gelernt, dass Radioaktivitaet nichts mit Glauben zu tun hat...

Monday, 22 September 2008

Aversion Nr. 2: Standard- und Niveaulosigkeit

Schwieriges Thema. Erst mal ruhig durchatmen. Beim Gedanken an dieses Thema moechte ich mir am liebsten die Haare ausreissen, die Augen auskratzen und schreien wie am Spiess. Die Inkompetenz der Briten sucht ihresgleichen. Das hat zwei Ursachen. Zum einen fehlt denen gesunder Menschenverstand. Das sieht man schon am Phaenotyp:
Hier herrscht Tradition – und da muss man ja nicht denken. Zum anderen liegt’s an der fehlenden Ausbildung. Beides zusammen – gut genaehrt durch jahrelangen Suff – ist eine Mischung, die mich rasend macht.

Kommen wir doch gleich mal zu einer aktuellen Begebenheit, bei der mir die Haare vielleicht demnaechst von selbst ausfallen. Mein Buero befindet sich him altertuemlichen Teil der Uni Manchester – und ist Teil jenes Gebaeudes, in dem Ernest Rutherford vor 100 Jahren mit seinen Atomen Pingpong gespielt hat. Und es hat auch 100 Jahre gedauert, bis man – angeregt durch den kuerzlichen Krebstod einiger Wissenschaftler in unserem Gebaeude – den Bogen zwischen Radioaktivitaet und “Sicherheit am Arbeitsplatz” geschlagen hat. Vor ca. 2 Monaten haben ehemalige Kollegen der verstorbenen Mitarbeiter ein Gutachten vorgelegt, in dem es heisst, dass ein Strahlenrisiko in meinem Teil des Gebaeudes nicht ausgeschlossen werden kann. Bei mir haben sofort alle Alarmglocken geschrillt – nicht aber bei den alteingesessenen Englaendern. Die Reaktion meines lieben Kollegen Paul war “Lasst uns einen Wellensittich kaufen und mal sehen was passiert.” Auf irritierte Nachfragen zum Thema wurde uns von der Chefetage mittgeteilt, dass uns “Neulinge” das doch gar nicht betreffen wuerde, immerhin seien wir erst ein Jahr hier – im Vergleich zu den Veteranen, die hier schon seit 20 Jahren arbeiten. Ach! Na dann is ja nich so schlimm! Scheiss auf’s gebaerfaehige Alter. Ist ja bloss ein Jahr Radioaktivitaet.
So. Und dann ging alles weiter wie gewohnt. Hier ist keiner auf die Idee gekommen, das Gebaeude zu schliessen und mal mit dem Geigerzaehler durchzulaufen. Studenten gehen ein und aus, ebenso kleine Kinder mit ihren Muttis, die zu den Studien vorbeischauen. Aber - O-Ton Chefetage - das ist doch kein Risiko, wenn die Kinder mal fuer eine halbe Stunde hier sind. Na, mich wuerde ja mal interessieren, was die Muetter dazu sagen.
Vergangene Woche gab’s dann ein Meeting zum Thema Radioaktivitaet im Rutherford Building – weil vorletzte Woche ein Artikel in der Zeitung “The Guardian” erschien, in der unser Fall Gottseidank mal oeffentlich gemacht wurde. Und in diesem Meeting wurde uns dann mitgeteilt, dass wir Radon-Monitore in unseren Bueros brauchen, die 3 Monate lang die Radonlevel messen werden. Natuerlich kam sofort die Frage auf, warum die Monitore nicht schon vor zwei Monaten installiert wurden – mit Erscheinen des Gutachten!? Nun ja..., man hatte geglaubt, es sei das beste, zuerst mit uns darueber zu reden. WAAAAAAAAAAAAAAS?????????????

Aber was will man schon erwarten, in einem Land frei von den Zwaengen eines Grundgesetzes?! Ganz ehrlich – hier gibt es keine Standards. Nichts, auf das man sich verlassen kann. Ich hab’ Deutschland immer als ein bisschen zu steif empfunden – weil ohne abgeschlossene Ausbildung so gar nichts geht. Kinder, lasst euch sagen, so eine Ausbildung ist eine gute Sache! Auch wenn man Rechtsanwaltsgehilfe gelernt hat und danach zum Polsterer umschult. Man hat naemlich was gelernt. Hier rammelt nach der Schule alles auf die Uni; studiert allerlei obskure Dinge (ohne das geringste Interesse, das kann ich aus Lehrerfahrung berichten) und endet nach einem Literaturstudium in der Bank. Das hat dann zur Folge, dass ich sich widersprechende Informationen bekomme, wenn ich mein liebes, weniges Geld auf der Bank besuchen gehe. Abhaengig vom Tag oder der Tageszeit bekomme ich voellig verschiedene Aussagen - sogar von der selben Person. Jene Personen geben sich auch nicht einmal Muehe, so zu tun, als ob sie von ihrem Job Ahnung haetten. Nachdem wir ja schon auf die Unfaehigkeit der Inselaffen eingestellt sind, hat Molly letztlich einen alten Uberweisungsbeleg zur Bank mitgenommen – mit der Bitte, genau die gleiche Ueberweisung nochmal durchzufuehren, fuer £10. Na klar, machen wir doch! Und berechnet haben die Idioten £28.50. Kann ja mal vorkommen, denkt ihr euch? Pah! Jeder “kleine Weg” ist hier ein Hindernislauf. Klar kann mal was schief gehen. Aber es ist nahezu unmoeglich, solche Sachen wieder in Ordnung zu bringen.
Ich bin schon auf Du&Du mit allen Mitarbeitern der Gaswerke, der Wasserwerke, der Eletrizitaetswerke; ich rufe bestimmt einmal monatlich bei allen an. Wie oft ruft ihr so bei euren Versorgern an? Genau. Einmal beim Einzug, einmal beim Auszug. Ach wie schoen. Deutschland ist ein schoenes Land.
Ich habe heute schon wieder vier Briefe auf einmal von den Gaswerken bekommen. In einem fragt man nach der Seriennummer meines Gasanschlusses (What the f***?! Das ist doch euer Job, die rauszufinden!) – ohne die mein Vertrag nicht wirksam ist; in dem anderen freut man sich, mir mitzuteilen, das mein Vertrag jetzt laeuft; in wieder einem anderen erklaert man mir, man haette den alten Vertrag gekuendigt und dann ist da noch ein Brief, in dem man mir einen Vertrag unter einer Adresse kuendigt, die ich gar nicht kenne.

Und so ist das hier mit jedem kleinen Scheiss. Busfahrer wissen nicht, wo genau die Buslinie langfaehrt; gehalten wird auch nur sporadisch. Abfahrtszeiten gibt’s nur fuer 6 “Orientierungshaltestellen” auf der Route mit 60 Stops – man plant besser grosszuegig und hat immer einen Stadtplan zur Hand, damit man die Route mit dem Finger “mitfahren” kann. Taxifahrer fragen staendig “And whereabouts is that, love?”. Ein Taxi, am Vorabend fuer 8:00 frueh am Folgetag bestellt, garantiert noch keine gute Reise: 8:20 ist das Taxi immer noch nicht da; bei einem empoerten Anruf bei der Taxigesellschaft wird uns mitgeteilt, man haette so viel zu tun und wir sollten uns gedulden. Nur am Flughafen, da gilt – Lippenpomade immer schoen in ein Tuetchen packen! Ohne Tuetchen wird die Pomade konfisziert!
What a sense of accomplishment.

Monday, 15 September 2008

Rubrik: Lach- und Sachgeschichten. Heute: Eileen beim Arzt

Lasst mich mal so anfangen: Ich denke, das britische NHS (National Health Service) Gesundheitssystem ist das einzig menschliche. Auf der Insel gibt's "freien" Gesundheitsschutz fuer alle und fuer Reiche gibt's Privatkrankenhaeuser gegen Geld. Hier gibt's keine 400 staatlichen Krankenkassen, also auch keine Verwaltungskosten in Millionenhoehe. Trotzdem ist auch hier Geld und Leistung knapp und man muss fuer Medikamente einen Festpreis zuzahlen (£7,10 - unabhaengig vom Medikament). Beim Zahnarzt habe ich fuer meine zwei Fuellungen £15 bezahlt. Aber das geht doch! Keine monatliche Versicherungsrate, keine Praxisgebuehr.
Natuerlich hat diese System auch seine Schattenseiten. Jedoch, denke ich, liegen die Ursachen hierfuer eher an der Ungebildet-, Unfaehig- und Planlosigkeit des gemeinen Briten (oder fuer die Romantiker unter uns: an dessen Naivitaet und Verschrobenheit).

Wie bei uns muss man auch hier erst mal am Hausarzt vorbei, bevor man zum Spezialisten kommt. Und so einfach ist das nicht. Waehrend der deutsche Hausarzt sofort eine Ueberweisung zum Hautarzt schreibt, wenn man einen laestigen Fusspilz aus dem Schwimmbad anschleppt, kriegt man hier entweder ein Schulterzucken "Hmm, so'n Pilz tut doch nicht weh; kuemmer'n Sie sich nicht weiter drum" (Was??? Meine Hautaerztin in Deutschland hat mir gesagt, dass der Pilz den Nagel von unten abfrisst und dass dann der Nagel abfaellt!!!). Oder - die gaengigere Variante: "Koennen Sie sich denn an den Namen des Medikamentes erinnern?" - waehrend der Doktor im Medizinkatalog blaettert... . Da wird einem schon etwas unwohl. Ganz besonders, da ein Medizinstudium hier im Koenigreich auch nicht wirklich lange dauert und ich staendig vor Doktoren sitze, die noch im Kindergarten waren, als ich die Schule abgeschlossen habe.

Irgendwann habe ich es dann doch mal zum Dermatologen geschafft - nach zwei Monaten Wartezeit ("Die Kliniken sind so voll"). Und mittlerweile weiss ich auch, warum man so lange auf Spezialisten warten muss: Hier probiert man's mit Gemuetlichkeit! Ich komme also in der Klinik an und erwarte ein volles Haus und zwei Stunden Wartezeit (macht nix, in meinem Beruf muss man lesen und ich muss ja auch keine Krankenversicherung bezahlen...). Aber ich traue meinen Augen kaum! Alles leergefegt. Bis auf einen Doktor, einen Rezeptionisten und circa 20 Schwestern. Und dann passiert folgendes: Ich werde von einer Schwester abgeholt und beim Herrn Doktor auf einen Stuhl verfrachtet. Herr Doktor fragt nach dem ominoesen Fleck auf meinem Schienbein und ich fange an, mein Hosenbein nach oben zu rollen - ist ja einfach, das Schienbein freizulegen. "Nein, nein" ruft da der Doktor, "nicht doch hier! Ich werde Sie im Untersuchungszimmer untersuchen!" Na gut, denke ich mir, und werde von der Schwester ins angrenzende Zimmer geschoben. "Bitte bis auf die Unterwaesche ganz frei machen und den Kittel hier anziehen!" Ach, denke ich mir, dem Doktor steht vielleicht der Sinn nach einer gruendlichen Leberfleckuntersuchung - kann ja nicht schaden. In Deutschland habe ich das nie gemacht; das ist ja keine Kassenleistung (€32,50)! Ich warte und warte. Und endlich, nachdem die Schwester checkt, ob ich auch sittlich bekittelt bin (mein Doktor ist Inder), schaut der Herr Doktor herein. Und betrachtet ausschliesslich mein Schienbein!!! Wie jetzt?! Wofuer denn der ganze Zirkus? Hmm. Kann man nix machen. Wieder die ganze Prozedur, Doktor raus, ich rein in die Klamotten, Schwester checkt, zurueck zum Doktor. All das dauert 30 Minuten. Ich soll mich noch mal vorstellen - in vier Wochen. Ich gehe also zurueck zum Rezeptionisten; das Wartezimmer ist immer noch gaehnend leer. So voll sind hier die Kliniken! Und weil so ein Andrang Zeit zum abarbeiten braucht, ist es eben unmoeglich, einen Nachfolgetermin innerhalb von zwei Monaten zu bekommen - so der Rezeptionist. Will der mich verarschen? Nee, er meint das ernst. Zu viel zu tun. Ganz einfach. Muss ich erwaehenen, dass das Wartezimmer nach zwei Monaten genauso leer war? Und dass ich eine Stunde pro Patient unangemessen finde?! Aber das ist hier eben so. Das Koenigreich funktioniert nach Tradition, nicht nach Effizienz oder Logik. Und daher verbrenne ich mir eben immer wieder die Haende, weil Wasserhaehne mit Mischbatterie Teufelswerk sind!

Eine Anekdote nur fuer weibliche Leser (und fuer ganz hartgesottene...): Frauenaerzte gibt's hier nicht. Vorsorge besteht hier aus so genannten smear-tests, die von der nurse durchgefuert werden. Und, Ladies, Gynaekologenstuehle existieren aus gutem Grund! Auf der Insel heisst's ab auf die Pritsche - was heisst denn hier Schmerz? - und danach die laestige Frage "Kann ich jetzt noch Kinder kriegen?"

Auch wenn's mit der Vorsorge und den Spezialisten etwas hakt, Notfallmedizin wird ganz gross geschrieben. Wahrscheinlich aus der Notwenigkeit enstanden, muss der Notfalldienst die schlimmste Seuche bekaempfen: Alkohol. Durch Alkohol schadet der Brite sich selbst - und zu oft auch anderen. Wie schon erwaehnt, sind Wochenenden einzige Saufgelage und das endet mit diversen Alkohovergiftungen und gefaehrlicher Koerperverletzung. Daher kann ich davon abraten, an einem Wochenende den Notdienst zu rufen: Man wird dir nicht glauben, dass dein Problem NICHTS mit Alkohol zu tun hat. Ziemlich nervig ist das. Aber egal. Zumindest gibt's ueberall Accident & Emergency Units und die helfen wo sie nur koennen. Und schnell. Mir blindem Maulwurf ist es also eines Tages so ergangen, dass ich blinde Flecken vor meinem Auge hatte und da man auf sowas nur mit PAAAANIK! reagiert, bin ich sofort zur Notfallaufnahme. Dort wurde mir gleich noch mehr Angst gemacht: Verdacht auf Netzhautabloesung. Na wie schoen, dass es in Manchester das Royal Eye Hospital gibt! Die werden mir schon helfen. So, und nachdem ich gerade eine Fluoreszenzangiographie hatte, in der mir neongelbe Kontrastfarbe gespritzt wurde und Bilder meines Auges durch geweitete Pupillen (AUA!!!) gemacht wurden, leuchtet mein Urin jetzt im Dunkeln und meine Makuladegeneration ist wohl nicht heilbar. Kinder, wir werden alt!

Check out my dilated pupils and lovely yellowish skin tone:

Monday, 1 September 2008

Rubrik: Lach- und Sachgeschichten. Heute: "Wohnen" im Koenigreich

Nachdem ich am vergangenen Wochenende mal wieder umgezogen bin, gibt's heute die gesammelten Eindruecke zum britischen Wohnungswesen.

Zuallererst: Der gemeine Brite startet die Wohnungssuche erst 1-2 Wochen vor dem eigentlichen Umzug. Ich dagegen kriege Falten, wenn ich nicht mindestens vier Wochen vor Auszug weiss, ob/wo ich in einem Monat ein Dach ueber dem Kopf haben werde. Zumal die alte Wohnung zu dem Zeitpunkt ja auch schon gekuendigt ist. Ich gehe also auf Wohnungssuche und ernte ueberall verwunderte Blicke, Kopfschuetteln und meinen Lieblingssatz: "The flat will be gone by then". Meine jetzige Wohnung habe ich drei Wochen vor dem Einzug gefunden - und hatte drei Tage Bauchschmerzen, weil noch geklaert werden musste, ob der Landlord denn willens sei, auf drei Wochen Miete zu verzichten...; weil ich unmoeglich "schon naechste Woche" eingezogen waere. Naja, nachdem ich mich auf ein Jahr verpflichtet habe, hat man ein Auge zugedrueckt. Gottseidank.

Es ist ja nicht wirklich so, als ob man hier viel Auswahl haette. Die Mieten sind astronomisch hoch (im Vergleich zu Leipzig) und mein Stipendium reicht gerade mal fuer ein (!) Zimmer a 400€ (zzgl. 100€ Nebenkosten). Und wir reden hier ungefaehr von der Groesse eines Schuhkartons. Zum anderen zahlt man den gleichen Preis: halbsanierter Altbau, vollsanierter Altbau, Neubau und mein Favorit: saniert in den fruehen Siebzigern und seitdem "heruntergewohnt" - kosten alle das gleiche. Nach Quadratemetern wird hier auch nicht vermietet. Daher kosten 10 Quadratmeter genau so viel vie 30. Wo also wohnen? Den Wahlleipziger zieht's ja zu den sanierten Altbaus. Auf der Insel aber gilt: VORSICHT! FALSE FRIENDS! Alte Haeuser fuer Vermietungszwecke sind hier marode und anfaellig. Der Brite ist ja eher ein Hauskaeufer als ein Mieter und gemietet wird quasi nur als "Zwischenstation". Daher werden Haeuser meist "furnished" vermietet und keine Sau (Pardon my French) kuemmert sich so wirklich. Als Mieter lebt man dann also meist in einem Patchwork Haus, in dem hier und da das Noetigste mal eben "zusammengeflickt" wird.

In Edinburgh war meine Wohnsituation nur eine von vielen Extremerfahrungen. Ich sehe eure unglaeubigen Gesichter vor mir, wenn ich sage, dass Edinburgh ein furchtbarer Ort zum Leben ist... Eine Zusammenfassung meiner Zeit in Edinburgh wird folgen, sobald ich den duesteren Erinnerungen trotzen kann, aber an dieser Stelle lasse ich kurz die Forschung sprechen: Laut einer Studie der Unis Manchester und Sheffield ist Edinburgh "the most miserable place in Britain."
Unterschreibe ich sofort!

Na wie auch immer, in Edinburgh habe ich mit Molly und Nita in einer riesengrossen, total heruntergwohnten Altbauwohnung gewohnt, deren unendliche Weiten voll von Ueberbleibseln und Hinterlassenschaften (inklusive Handfeuerwaffe) saemtlicher Vormieter seit den Siebzigern war. Nachdem uns Deutschen ja nix sauberer genug sein kann, ging's nach dem Einzug erstmal ans putzen. Am Ofen bin jedoch bald verzweifelt. Der wurde noch nie sauber gemacht.

Egal, es koennte schlimmer sein. Genau! Und deswegen hatten wir kurze Zeit spaeter mit dem Einsatzmann der Gaswerke zu tun... Die ganze Wohnung stinkt nach Gas? Naja, dann machen wir halt kein Licht an. So einfach ist das.
Aber der eigentliche Hammer war folgender. Mieterschutz ist ein deutscher Zustand, den man im Koenigreich nicht kennt. Als Mieter muss man hierzulande alles offenlegen (credit check, Referenzen vom vorherigen Vermieter, etc...) und gewissermassen seine Seele verkaufen. Das Mietgesetz besagt, dass manWohnraum mindestens fuer 6 Monate mieten muss. Und NACHDEM wir unseren sechs Monatsvertrag fuer den Zeitraum Maerz bis September unterzeichnet hatten, setzte uns der Agent davon in Kenntnis, dass die Eigentuemer der Wohnung ueber Scheidung nachdenken wuerden und man nicht wuesste, was aus der Wohnung wird. Das VERmieterschutzgesetz besagt naemlich, dass man eine Wohnung innerhalb eines Monats zu raeumen hat, wenn der Eigentuemer Eigenbedarf anmeldet. Und so geschah es dann auch. Uns wurde zum 1. August 2007 gekuendigt - vor dem Ablauf des Vertrags. Daraus ergaben sich drei grundlegende Probleme:
1. Neu mieten geht nicht, denn wir hatten zu dem Zeitpunkt nur noch zwei Monate in Schottland - und man MUSS sich ja fuer sechs Monate verpflichten.
2. August war der letzte Monat unseres 12-monatigen Studiengangs und weil wir "mal eben" eine Magisterarbeit schreiben mussten, hatten wir weder Zeit zum Wohnung suchen, umziehen oder schlafen.
3. Im gesamten August tobt in Edinburgh das internationale Festival. Die ganze Welt will in dieser Zeit in Edinburgh wohnen. Dank Angebot und Nachfrage vervierfachen sich die ohnehin schon horrenden Mieten in dieser Stadt.
An dieser Stelle werde ich auch behaupten, dass die Schotten gar boesartige Menschen sind. Ich werde das spaeter naeher ausfuehren. Fuer heute muss reichen, dass unser Agent uns hinters Licht gefuehrt hat. Und das ist eben so. Die niedrigsten Lebensformen hier auf der Insel sind Wohnungsvermittler.


Manchester hat's auf Platz 2 der "happiest places in Britain" geschafft - und da sieht man mal, dass nicht immer die Devise gilt "Wohnen, wo andere Urlaub machen". Manchester ist wahrlich keine Touristenhochburg, aber schoener leben laesst sich's hier allemal. Wenn nur der Wohnungsfrust nicht waere...
Nachdem Molly und ich eine schoene Erdgeschosswohnung in einem Haus aus der Zeit Koenigin Victorias gefunden hatten, waren wir ueberglucklich. Nicht nur war diese Wohnung ziemlich geraeumig (sehr ungewohenlich fuer England), sie befand sich noch dazu im In-Stadtteil Didsbury - mitten im Gruenen. Volltreffer! Genau.



Beim Einzug bemerkten wir den ersten Wasserschaden. Hmm. Kann ja mal vorkommen. Das gab' zwar einen unschoenen Fleck, aber wurde schnell behoben. Dann kam der Herbst. Und mit ihm kroch die Kaelte ins Gemaeuer. Ins feuchte Gemaeuer, um genau zu sein. Lecker feuchte Flecken an den Waenden. Ein bissel Schimmel? Mach doch nix.


Woche 1: Scheisse, echt, die Heizung funktioniert nicht. Garnicht? Mist, der Boiler ist ja auch nicht an. Hmm, das wuerde erklaeren, warum das Wasser nicht warm wird. Ruf doch mal die Agentur an! Ok.
Woche 2: Es ist doch immer noch so kalt. Ja. War noch keiner von der Agentur da? Nee. Morgen bestimmt!
Naechster Abend (20:00): Eh, das riecht hier aber komisch. Hmm. Gas wuerde ich sagen. In der ganzen Wohnung? Mach' mal besser kein Licht an. Aber es ist warm! Oh, der Boiler ist ja auch an. Wir rufen trozdem besser mal den Gasmann an. Ja.
22:00: Toll. Jetzt ist also der Boiler im Arsch. Hmm. Und es ist auch wieder kalt. Da muss ich wohl morgen nochmal die Agentur anrufen.
Woche 3: Hurra, der Boiler funktioniert und der Gasschaden ist auch repariert! Und warum, bitteschoen, funktioniert dann die Heizung nicht?! Das Wasser ist auch kalt. Keine Ahnung. Ich ruf die Agentur an.
Naechster Tag: Die Agentur sagt, dass da so eine Zeitschaltung fuer die Heizung ist. Ja, die kenn ich, aber die funktioniert doch nicht mehr, oder? Ich weiss gar nicht wo die angehen sollte. Morgen schicken die jemanden. Gut.
Morgen: Ach so, der Schalter ist hinter dem Boiler... Wer denkt denn an sowas. Danke auch.
Zwei Wochen spaeter: Die Schaltung an der Heizung ist total verrostet. Ich krieg die Heizung nicht mehr aufgedreht. Toll, und was jetzt? Ruf mal in der Agentur an und sag' denen, dass die neue Regler dranbauen sollen.
Zwei Wochen spaeter: Was ist denn jetzt mit den Reglern? Ich frier' mir hier den Arsch ab. Weiss nicht, wahrscheinlich haben wir unser Hilfekonto fuer dieses Quartal ausgereizt. Geh doch mal bei der Agentur vorbei. Jaja.
Woche 8: Na endlich. Neue Regler. Dann kann der Winter ja kommen.
Zwei Wochen spaeter: Das ist schon wieder so kalt. Komisch. Aber der Boiler ist doch an. Ja. Eh, fass mal die Heizung an! Die untere Haelfte ist ganz kalt! Mist. Da ruf ich mal in der Agentur an.
Woche 11: War nur Luft in der Heizung. Jetzt funktioniert sie wieder. Gut.
Woche 12: Die Heizung ist schon wieder so kalt. Schon wieder Luft? Vielleicht. Ruf doch mal die Agentur an.
Woche 13: Ja, war nur Luft.
Woche 14: Die Heizung ist schon wieder kalt. Das Scheissding ist bestimmt total im Arsch! Ich hab mal 'ne Heizdecke gekauft und ein paar Waermflaschen. Verdammte Scheisse hier. Jetzt muss ich schon wieder die Agentur anrufen.
Woche 16: Die Heizung ist wieder ganz. Und die Agentur hat so einen Entlueftungsschluessel dagelassen. Damit wir allein entlueften koennen. Gottseidank.
Woche 17: Schon eine ganze Woche warm! Unglaublich. Ja, aber weisst du, was das Problem ist? Nee, was'n? Da unsere Riesenfenster nur einzelverglast sind, fangen die an zu kondensieren und das Kondenzwasser laeuft jetzt ueber die Waende. Scheisse, und was machen wir jetzt? Weiss nicht. Fenster abwischen vielleicht? Morgens und Abends?
Woche 18: Haste gesehen, dass die Waende unter'm Fenster ganz nass sind? Ja. Und jetzt faengt das an mit schimmeln. Das ist doch zum kotzen!!! Zumal das nix mit dem Kondenswasser zu tun hat. Die Waende sind zu feucht. Die sind ja auch nicht isoliert. Toll.
Woche 19: Eh, kuck mal, die Tapete ist ganz schwarz hinter'm Sofa. Igitt! Und so nass, dass man sie abziehen kann. Ich sag' mal der Agentur bescheid.

Monat 5: Da ist jetzt neue Tapete an der Wand. OK. Aber da drueben an der alten Tapete schimmelt das schon wieder. Scheissmist. Ich ruf die Agentur an.
Monat 6: Heute war jemand da und hat ueber den Schimmel gemalert. Aber das nuetzt doch nichts!!! Ich weiss.
Woche 25: Meine Waesche riecht so komisch. Hmm. Trocknet ja auch nix hier drin. Vielleicht lassen wir einfach das Fenster auf? Das Fenster auflassen? Was? Damit wir das bisschen Grundwaerme hier in unserem Kuehlschrank auch noch verlieren? Sag' mal, weisst du eigentlich wie hoch unsere Gasrechnung ist???
Monat 7: Jetzt wird's ja langsam endlich Fruehling. Dann brauchen wir die Heizung nicht mehr und die bloede Fensterwischerei hoert auch auf. Endlich. Vielleicht trocknen dann unsere klammen Buecher und Unterlagen auch wieder.
Woche 30: Sag' mal, hier riecht's so nach Chlor! Wo kommt das denn her? Aus'm Wohnzimmer? Ach du liebe Scheisse! Der ganze Fussboden steht unter Wasser!!! Wo kommt das denn her? Von oben! Ich will nach Haaaaaaauuuussseee! Ich halt's hier nicht mehr aus!!!



Zwei Tage spaeter. Der Fussboden ist ganz wellig. Hmm. Der Handwerker hat gesagt, dass er literweise Wasser aufwischen musste. Da kam wohl noch mal ein Schwung Wasser runter. Und was war das Problem? Ach, der Uebermieter hat versucht, seinen Abfluss zu reinigen... Er hat den Syphon ausgebaut und falsch wieder reingebaut. Und deswegen hat's bei uns geregnet, wenn er geduscht hat.




AUSZIEHEN!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


Wehmuetig war ich also kein bisschen, als ich in einen neugebauten Apartmentkomplex gezogen bin. Manchester glaenzt ja an sich nicht wirklich durch seine Architektur und die typische red-brick Optik wird auch fuer neue Haeuser verwandt. Und nachdem ich's jetzt endlich warm und trocken habe und ich selbst der Uebermieter bin, kann mich Queen Victoria mal kreuzweise.